Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken.
Ich habe ihr Leid erkannt.
2 Mos. 3, 7.
Das kann kein Mensch sagen. Es gibt manche Fiber in unserm Herzen, die das innigste menschliche Mitleid nicht zu berühren versteht. Aber der Erstling unter allen Duldern, der selber den Weg der Schmerzen gewandelt, weiß, was für ein Gemächte wir sind. Wenn ein drückender Verlust wie ein schwerer Eisklumpen uns auf dem Herzen liegt und der teuerste Erdenfreund das, was uns eigentlich drückt, nicht zu ergründen vermag siehe, so kann es Jesus und Jesus tut es auch. Er, der einst meine Sünden getragen, lud auch auf sich meine Schmerzen. War nicht das Auge, welches jetzt im Vollglanze vom Throne herabblickt, einst dunkel geworden vor Weinen? So will ich denn unter allen meinen Betrübnissen bedenken: Er war betrübt, 1) und unter all meinem Weinen: Jesu gingen die Augen über2).
Lange hatte Israel unter dem Joche der Knechtschaft geseufzt, und Gott schien's nicht zu erkennen. Er schien vielmehr zu schlafen, wie Baal;3) allein gerade da wachte sein mitleidsvolles Auge mit aller Sorge über seinem unterdrückten Volk. Gerade da war es, dass Er sprach: Ich habe ihr Leid erkannt.
Ja, zuweilen kann es den Anschein nehmen, als wenn Er uns vergessen und verlassen hätte, und wohl drängt sich dann der Angstschrei aus unserm Herzen: Hat denn Gott vergessen gnädig zu sein4)? und dennoch während wir also rufen hat Er sich in der zärtlichsten Liebe über uns hingeneigt. Zuweilen lässt Er's allerdings geschehen, dass uns die Wasser der Trübsal bis an den Hals gehen, aber Er tut's nur, um seine helfende Hand nach uns auszustrecken und uns die Fülle seiner Gnade kund zu tun. Das Ende des Herrn habt ihr gesehen, denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer5).
Dass Er unser Leid kennt, ist aber auch eine herrliche Bürgschaft das für, dass Er uns nicht mehr und nicht weniger zuschickt, als was uns nottut. Ich will es nicht ein Ende mit dir machen - spricht - Er züchtigen aber will ich dich mit Maße6). So ist Alles, was Er uns zuschickt, genau abgemessen und weislich eingeteilt. Da waltet nirgendwo ein Ungefähr und nirgend ein Zufall, und da ist kein Dorn zu viel und kein Schlag überflüssig. Er fasst unsere Tränen in seinen Sack7). Alles ist gezählt, Tropfen für Tropfen, Träne für Träne: sie sind ein Heiligtum in der Schatzkammer unseres Gottes!
Gläubiger Pilger unter dem Kreuze! ist dir gleich ein Schwert durch die Seele gegangen, so freue dich dennoch! Siehe, welch eine Ehre hat der Herr dir angetan du bist eines Leidens teilhaftig gemacht worden8). So blicke denn empor zu jenem strahlenden Bogen, der den düsteren Himmel umschließt! Jesus, dein Schmerzens-Jesus, dein mitleidiger Jesus kennt die Schläge, von denen du gequält wirst, und die Tränen, die in deinen Augen brennen. Er wird herniederfahren, dass Er dich errette9)!
Und wenn es kommt, dass ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken.